Tsunami: ein Jahr danach
01.12.2005
Dank der Hilfsbereitschaft der Thailänder überlebte Familie Kosian den Tsunami im Dezember 2004 im besonders schwer getroffenen Khao Lak. Mit dem Verein "Lichtblick" unterstützen sie nun ihre Retter
Dezember 2004. Familie Kosian aus Hamburg verbringt die Ferien im "Sofitel Magic Lagoon", einem Luxushotel in Khao Lak. Die Kosians - Unternehmensberater Jürgen, seine Frau Heidi und drei ihrer vier Kinder, Michelle, 9, Phil, 16, und Nina, 17, (die älteste Tochter ist zu Hause geblieben) - sind das erste Mal in Thailand. Sie genießen die Annehmlichkeiten des Fünf-Sterne-Resorts mit Palmengärten und Poollandschaften. Am Morgen des 26. Dezember wird das Hotel von der ersten Flutwelle des Tsunami zerstört, die Familie auseinander gerissen. Im Krankenhaus finden sie sich wieder. Heidi Kosian hat Wasser und Sand in der Lunge, ihr Sohn Phil Schnitte und Prellungen am ganzen Körper, die anderen sind leicht verletzt. Doch sie alle haben überlebt. Schon am übernächsten Tag fliegen sie zurück nach Deutschland.
Rein rechnerisch hat uns so viel Glück eigentlich nicht zugestanden", sagt Jürgen Kosian heute. Inzwischen weiß man, dass sich 415 Gäste und 320 Mitarbeiter im "Magic Lagoon" aufhielten, als die Flutwelle kam. Mehr als die Hälfte sollen ums Leben gekommen sein. Weil unter den Opfern 100 Deutsche waren, wurde das Luxusresort von der "Bild"-Zeitung als "Todes- Hotel der Deutschen" bezeichnet. Dabei war es nur eines von vielen Luxusresorts, die sich am wundervollen Sandstrand der Magic Lagoon aneinander reihten. Weil der Indische Ozean vor Khao Lak eine Bucht bildet und das Hinterland felsig ansteigt, schwappte die erste Welle wie gegen einen Beckenrand und traf beim Rückfluten mit der zweiten zusammen. Die Zerstörungskraft potenzierte sich, der Landstrich wurde stärker getroffen als andere. Zwei Drittel der etwa 8000 Tsunami- Opfer Thailands starben hier.
Das marmorne Esszimmer der Kosians scheint unendlich weit entfernt von der Katastrophe. Die großzügige Villa im Hamburger Vorort Wohltorf wird von meterhohen Hecken und Eisenzäunen geschützt. In der Empfangshalle liegen Schulranzen, Schuhe stehen herum - die Kosians sind wieder in der Sicherheit des eigenen Heims angekommen. Und doch ist das Unglück allgegenwärtig. Statt sich in die heimische Ruhe zurückzuziehen, gesund zu werden, etwas Geld zu spenden und zu vergessen, wollten die Kosians vom ersten Tag an einen Teil der Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe zurückgeben, die sie in Khao Lak erfahren haben. "Es war uns wichtig, dies auch unseren Kindern vorzuleben", sagt Heidi Kosian, die von einem Thailänder ins Krankenhaus getragen worden war.
Sie gründen den Verein "Lichtblick". Ziel: Geld sammeln, mit dem sich die Menschen vor Ort eine Lebensgrundlage schaffen können. Als erstes versteigert Jürgen Kosian seinen geliebten Oldtimer, einen Chevrolet Corvette, Baujahr 1958. Weil der Unternehmensberater schon Erfahrung im Sammeln von Spenden hat, bezieht er gleich die lokalen Medien in sein Vorhaben ein. Auch dank deren Berichterstattung erzielt er für das Auto 75 000 Euro. Für Khao Lak wahrhaftig ein Lichtblick. Die Kosians, gläubige Christen, sammeln weiter, bei Freunden, Geschäftspartnern, in der Kirchengemeinde. 100 000 Euro kommen so zusammen. Im Februar bringen die Eheleute das Geld persönlich ins Katastrophengebiet. "Wir wollten nicht nur wissen, wohin die Spenden gehen", sagt Jürgen Kosian. "Für uns ging es auch um die Auseinandersetzung mit der Katastrophe: Wir wollten verarbeiten, nicht verdrängen." Doch wie sollten sie das Geld verteilen? Über die evangelische Gemeinde in Bangkok lernen sie Pastor Suchat aus Takua Pa kennen, er wird zur wichtigsten Kontaktperson für die Hamburger Spender. Suchat weiß, dass die thailändische Regierung zwar Neubauten von Flutopfern fördert, jedoch nur in zugewiesenen Gebieten. "Einige Grundstücke wurden zum Sperrgebiet erklärt", sagt Kosian, "obwohl sie nicht in einer gefährdeten Zone lagen. Man konnte den Eindruck gewinnen, da werde Land beschlagnahmt." Trotz der Unterstützung durch den kundigen Pastor ist die gerechte Verteilung des Geldes ein Problem. Die Spende soll nicht dazu verführen, einen neuen Fernseher oder ein Moped zu kaufen. Sie soll Not lindern und Menschen in die Lage versetzen, selbst für ihren Unterhalt sorgen zu können. So werden mit dem Geld, das die Kosians gesammelt haben, einer Wäscherin eine neue Waschmaschine und ein Trockner gekauft, ein Fischer bekommt neue Netze, ein Marktverkäufer ein Set Kühlboxen.
Im Juni reist Jürgen Kosian erneut nach Khao Lak, 15 neue Projekte stehen auf seiner Liste, Hilfe für Familien, die in den Opfercamps um das Dorf Baan Nam Khem gestrandet sind. Wieder hat Pastor Suchat die Bedürftigen vorher ausgewählt und begleitet den Spender bei seinen Besuchen. Erst als die Familie wieder in Deutschland ist, erfährt sie, dass die Hilfe des Geistlichen an eine Bedingung gebunden war: Nur wer sich taufen ließ, bekam Geld. Heidi Kosian ist verärgert. "Doch es ändert nichts am Ergebnis", sagt sie trotzig, "das Geld hat Menschen erreicht, die es dringend brauchten." Und weitere Spenden sind nötig. Für den Bau eines Fußgängerstegs, der als Schulweg eine Insel mit dem Festland verbindet, für ein Gemeindezentrum, für Lampen, Tische und Computer. " 'Lichtblick' bleibt bestehen“" sagen die Kosians, "noch mindestens fünf Jahre. Unsere Hilfe soll langfristig wirken."
Quelle: http://www.geo.de/GEO/reisen/fernziele/4809.html